Warum es im Nyerere-Nationalpark (Selous) keine Nashörner mehr gibt
- Augustin

- 12. Juli
- 6 Min. Lesezeit

Gäste fragen mich auf Pirschfahrten oft, ob wir hier Nashörner sehen können. Meine Antwort ist ehrlich und unbequem: Nein. Das Spitzmaulnashorn (Diceros bicornis), das im Selous einst eine der bedeutendsten Populationen Ostafrikas bildete, ist im heutigen Nyerere-Nationalpark verschwunden. Dieser Beitrag erklärt, warum das so ist, was daraus für den Naturschutz folgt und warum die Zukunft dieser Landschaft weniger im Park selbst als an seinen Rändern entschieden wird.
Das Problem beim Namen nennen: Wilderei
Der Grund für das Verschwinden der Nashörner ist keine Naturkatastrophe und kein Klimaereignis, sondern der gezielte, kommerzielle Abschuss für den Handel mit Nashorn. Der Selous wurde 1982 als Weltnaturerbe ausgezeichnet und war damals für seine Bestände an Elefanten und Nashörnern berühmt. Seither hat das Gebiet nahezu neunzig Prozent seiner Elefanten und fast alle seine Spitzmaulnashörner an Wilderer verloren. 2014 setzte die UNESCO den Selous auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes.
Diese Entwicklung ist Teil eines kontinentalen Musters. Zwischen 1960 und 1995 brach der afrikanische Bestand des Spitzmaulnashorns um rund 98 Prozent ein, von etwa 65.000 Tieren auf unter 2.500. Der Auslöser war eine Welle der Wilderei, die in den frühen 1980er-Jahren in Kenia und Tansania begann, angetrieben durch die Nachfrage nach Horn in Asien und im Nahen Osten. Ein Kilogramm Nashorn erreicht auf dem Schwarzmarkt Preise, die es für organisierte kriminelle Netzwerke lukrativer machen als viele andere illegale Güter. Genetische Untersuchungen zeigen dabei, dass gerade die ostafrikanischen Populationen, zu denen der Selous gehörte, evolutionär besonders wertvoll waren. Ihr Verlust ist nicht nur eine Frage von Zahlen, sondern von unwiederbringlicher genetischer Vielfalt.
Immer wieder ist von Plänen zur Wiederansiedlung des Nashorns die Rede. Solche Programme gibt es in Tansania tatsächlich, allerdings bislang in anderen Gebieten wie Mkomazi, dem Ngorongoro-Krater und dem Serengeti-Ökosystem, wohin Tiere aus dem südlichen Afrika und aus europäischen Zoos gebracht wurden. Ein fragliches Unterfangen... Nett für Touristen aber gesamt ein m.M zweifelhaftes Unterfangen. Besonders die Ansiedlung des nicht endemischen Breitmaulnashorns im Ngorongorokrater. Für den Nyerere-Nationalpark selbst bleiben entsprechende Absichten bisher vage und wenig konkret. Ich halte es für redlich, das so zu sagen: Es gibt Überlegungen, aber kein greifbares laufendes Programm, das man Ihnen als Aussicht auf Nashörner im Park verkaufen dürfte. Und um einem verbreiteten Missverständnis vorzubeugen: Von einem verbliebenen Restbestand im Park kann keine Rede sein.
Warum Wildtierkorridore über die Zukunft entscheiden
Ein Schutzgebiet, so groß es auch sein mag, ist kein isoliertes Reservat. Wildtiere brauchen Bewegung: zwischen Wasserstellen, Weidegründen und benachbarten Populationen. Genau diese Bewegung sichern Wildtierkorridore, schmale Landbrücken zwischen den großen Schutzgebieten. Wird ein Park von seinem Umland abgeschnitten, wird er zur genetischen Insel. Kleine, isolierte Populationen wachsen langsamer, sind anfälliger für Krankheiten und verlieren über Generationen an genetischer Vielfalt. Das ist einer der Gründe, warum sich Nashörner selbst dort so schwer erholen, wo sie noch vorkommen.
Der Nyerere-Nationalpark ist Teil eines größeren Ökosystems, das oft als Nyerere-Selous-Mikumi-Ökosystem bezeichnet wird. Die Verbindung nach Norden zum Mikumi-Nationalpark und weiter zu den Udzungwa-Bergen ist ökologisch entscheidend, denn über diese Korridore wandern Elefanten und andere Großsäuger seit jeher. Nationale Bestandsaufnahmen zeigen jedoch, dass rund dreißig historische Korridore in Tansania inzwischen stark degradiert oder blockiert sind, vor allem durch die Ausdehnung von Landwirtschaft und Siedlungen. Die Verbindungen im Selous-Mikumi-Raum gehören zu den am stärksten bedrohten. Wer die Tierwelt dieser Region langfristig erhalten will, muss deshalb weniger über Zäune im Park und mehr über offene Wanderwege zwischen den Parks nachdenken. Engagement für diese Korridore ist aus meiner Sicht die wichtigste Naturschutzaufgabe der Region.
Der positive Beitrag von TAWA und TANAPA
Nach der Wilderei-Krise hat Tansania seine Schutzstrukturen neu geordnet, und diese Reform hat messbar geholfen. 2019 wurde der nördliche, für Fotosafaris genutzte Teil des früheren Selous zum Nyerere-Nationalpark erklärt und unter die Verwaltung der Nationalparkbehörde TANAPA gestellt. Als Nationalpark der höchsten Schutzkategorie ist die Jagd hier untersagt, der Fokus liegt auf strenger Überwachung und nicht-konsumtivem Tourismus. Der südliche Teil bleibt als Selous-Wildreservat unter der Tanzania Wildlife Management Authority (TAWA), der Wildtier- und Jagdbehörde.
Die Gründung von TAWA wurde von internationaler Seite ausdrücklich als Fortschritt anerkannt, unter anderem im Rahmen der UNESCO-Beobachtungsmissionen. Beide Behörden erfüllen unterschiedliche, sich ergänzende Aufgaben: TANAPA sichert das streng geschützte Kerngebiet, TAWA verwaltet die umgebenden Wildreservate und Jagdblöcke. Regelmäßige Zählungen aus der Luft, etwa durch das Forschungsinstitut TAWIRI, belegen, dass die Elefantenbestände im Nyerere-Selous-Mikumi-Ökosystem sich seit dem Tiefpunkt der Wilderei stabilisiert haben. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis konsequenter Schutzarbeit.
Warum Jagdblöcke wichtiger sind, als viele denken
Hier komme ich zu einem Punkt, der in Europa oft missverstanden wird. Die Jagd auf Großwild ist ethisch umstritten, und ich will diese Debatte nicht kleinreden. Es lohnt sich aber, die Landschaftsökologie nüchtern zu betrachten. Die kommerziell verpachteten Jagdblöcke rund um den Nationalpark sind in der Praxis große, bewirtschaftete Schutzflächen. Sie werden bewacht, sie finanzieren Wildhüter, und sie halten menschliche Besiedlung, Ackerbau und Abholzung von der Fläche fern.
Das Problem entsteht, wenn Jagdblöcke aufgelöst oder aufgegeben werden. Ein aufgelöster Block ist selten ein neues Naturschutzgebiet. In der Realität fällt die Schutzwirkung weg, und die Fläche wird für Besiedlung, Weidewirtschaft und Rodung geöffnet. Aus der Jagdgegner Sicht mag man die Auflösung begrüßen, doch der ökologische Nettoeffekt ist häufig negativ: Wo vorher eine bewachte Wildnis lag, verschwinden anschließend Wälder auf großer Fläche. Für die Korridore zwischen den Parks ist das besonders folgenreich, denn oft sind es gerade diese Blöcke, die die Verbindungen offenhalten.
Kisaki: unkontrollierte Abholzung am Rand des Parks
Wie schnell eine Landschaft kippt, lässt sich im Raum Kisaki am nördlichen Rand des Ökosystems beobachten. Dort schreitet die Abholzung weitgehend unkontrolliert voran. Wald weicht Feldern und Siedlungen, und mit dem Wald verschwindet der Puffer, der den Park bisher von der intensiven menschlichen Nutzung getrennt hat. Was hier passiert, ist kein abstraktes Risiko, sondern der schleichende Verlust genau jener Flächen, die als Korridor gebraucht würden.


Ein wesentlicher Treiber ist der illegale Holzhandel. Wertvolle Harthölzer werden geschlagen und außer Landes gebracht, oft über informelle Ketten, die schwer zu kontrollieren sind. Die Abholzung folgt dabei einer bekannten Logik: Erst kommen die Holzfäller, dann die Weidewirtschaft, dann der dauerhafte Ackerbau. Ist der Wald einmal weg, kehrt er auf menschlichen Zeitskalen nicht zurück.
Das Weideproblem: große Herden, kein romantisches Bild
Ein zweiter, oft verschwiegener Faktor ist das illegale Eindringen riesiger Rinderherden in und um die Schutzgebiete, vor allem durch Hirtengruppen der Massai und der Sukuma. Ich schildere das bewusst nüchtern, denn hier gibt es viel Fehlwahrnehmung. Es geht nicht um eine Handvoll Tiere zur Selbstversorgung, sondern um Herden von teils mehreren hundert oder tausend Rindern, die über weite Strecken durch geschützte Flächen getrieben werden.
Zur Einordnung gehört, dass die wissenschaftliche Bewertung von Weidewirtschaft in Schutzgebieten differenziert ist. Untersuchungen aus der Maasai Mara in Kenia zeigen, dass Rinder in maßvoller Dichte an den Rändern von Schutzgebieten kaum messbare ökologische Schäden verursachen. Dieser Befund gilt jedoch für kontrollierte, rotierende Beweidung in überschaubarer Intensität, nicht für das großflächige, unregulierte Eindringen sehr großer Herden, das im Selous-Mikumi-Raum das eigentliche Problem darstellt. Große Herden konkurrieren mit Wildtieren um Wasser und Weide, verdichten Böden entlang der Triebwege und verändern die Vegetation dort, wo eigentlich Wildtiere wandern sollten.
Wichtig ist mir noch ein Punkt, der dem in Europa verbreiteten Bild widerspricht. Die Hirten hinter diesen großen Herden sind keineswegs die armen, romantisch verklärten Figuren, als die sie mitunter dargestellt werden. Ein Rinderbestand dieser Größe ist erhebliches Vermögen. Es handelt sich um eine wirtschaftlich handfeste Nutzung von Land, das eigentlich unter Schutz steht, nicht um eine Notlage. Wer die Situation verstehen will, sollte dieses Klischee beiseitelegen und auf die tatsächlichen Interessen und Größenordnungen schauen.
Fehlendes Verständnis in der Bevölkerung
Über all dem liegt eine strukturelle Schwierigkeit: In Teilen der lokalen Bevölkerung fehlt das Verständnis dafür, welchen Wert eine intakte Wildnis auf lange Sicht hat. Wenn kurzfristiger Nutzen aus Holz, Weide oder Ackerland unmittelbar spürbar ist, der Nutzen von Naturschutz aber abstrakt und langfristig bleibt, fällt die Abwägung oft gegen die Wildnis aus. Das ist menschlich nachvollziehbar und zugleich das Kernproblem. Ohne Aufklärung, ohne spürbare Beteiligung an den Erträgen des Tourismus und ohne Alternativen zur Übernutzung wird sich daran wenig ändern. Feststeht aber, dass das kurzfristige Abholzen und das zerstören von Ökosystemen niemals einen langfristigen und positiven Nutzen für die Bevölkerung hat. Eine Land-Stadtflucht ist heute schon beobachtbar und die Konsequenz dieses kurzsichtigen Handelns.
Was das für Ihren Besuch bedeutet
Nashörner werden Sie im Nyerere-Nationalpark nicht sehen, und ich halte es für richtig, das offen zu sagen, statt falsche Erwartungen zu wecken. Was Sie erleben, ist eine der letzten großen, noch weitgehend zusammenhängenden Wildnisregionen Afrikas, mit Elefanten, Löwen, Wildhunden und einer außergewöhnlichen Vogelwelt am Rufiji. Jeder Aufenthalt in einem Park wie diesem trägt dazu bei, dass Fototourismus wirtschaftlich tragfähig bleibt und die Fläche geschützten Wert behält. Das ist kein Ersatz für die verlorenen Nashörner, aber es ist ein Beitrag dazu, dass der Rest dieser Landschaft eine Zukunft hat.





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